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Von Nebel und Noten: Laufmomente im Morgengrauen
Laufen

Von Nebel und Noten: Laufmomente im Morgengrauen

Es gibt Tage, da türmen sich die Gedanken zu einer Mauer. Die To-do-Listen nehmen kein Ende, und egal, wie sehr ich abarbeite und ordne - das Wirrwarr im Kopf bleibt. Gefühlt Alles reißt und zerrt an mir und ich wünsche mir einfach mal eine Auszeit. Das Brainstorming am Abend brachte irgendwann die Idee zu einem meditativen Lauf ein. Ich war sofort Feuer und Flamme. Am nächsten Morgen fällt das Kind schon um halb 6 aus den Federn, damit ist klar, auch unsere tägliche Morgenrunde wird früh starten und ich kann den Versuch wagen, bei meinem Lauf einfach in dem Moment zu sein. Das Kind schläft mit friedlichem Gesicht und der Regen der letzten Tage hinterlässt eine fast nordische Stimmung. Alles riecht nach nasser Erde, das Licht ist gedämpft, Nebelschleier hängen in den Tälern. Ich habe keine Erwartung an Geschwindigkeit oder Strecke, ich will nur laufen und mitnehmen, was der Morgen gibt.

Erst spazieren, dann loslaufen

Eine Viertelstunde bin ich Richtung Wald spaziert. Dort sollte der Lauf beginnen, kaum war ich am Waldrand, kribbelte es leicht, wie vor einer Laufveranstaltung. Dabei war es doch ein ganz normaler Lauf durch den heimischen Wald. Oder nicht? Also erstmal die Kopfhörer eingeschaltet und langsam losgetrabt, durch dunkle Blättertunnel, vorbei an Feldern, und die ersten Atemzüge der dunklen Luft eingesogen. Vom ersten Schritt war ich da. In diesem Abenteuer, dass ich mir am Vorabend ausgemalt hatte.

Die Beine waren noch etwas schwer vom gestrigen Lauf, aber das Tempo war sowieso egal. Am Vorabend hatte ich mir noch schnell eine neue Playlist zusammengestellt. Einen wilden Mix aus nordischen Klängen und Filmmusik. Der Regen und die Kälte der letzten anderthalb Wochen hatten mich in eine seltsam nordische Stimmung versetzt. Diese Schwere, die die Felder und den Wald selbst tagsüber dunkel wirken lässt und für ein ganz anderes Licht sorgt - das wollte ich am liebsten mit der passenden Musik unterstreichen.

Mit dem ersten Schritt tauche ich in die Klänge ein, atme den frischen Wald ein und genieße es, dass ich fast ganz allein unterwegs bin. Die Welt scheint noch zu schlafen, keiner sieht mich, keiner hört, wie ich leise mitsinge, wie ich mit den Händen im Takt dirigiere und laufe, als sei ich allein auf dieser Bühne aus feuchtem Waldboden und schimmernden Feldern.

Die Musik bestimmt den Rhythmus. Mal laufe ich mit Frodo durchs Auenland, mal mit Jack Sparrow am Strand entlang, das feuchte Laub unter den Füßen fühlt sich wie nasser Sand an. Ed Sheeran, Tom Rosenthal, Casper, das Game of Thrones-Theme - jede Melodie schiebt mich weiter, breitet ein breites Grinsen auf meinem Gesicht aus, holt mich raus aus den permanent rotierenden Gedanken. Es gibt Songs, da bin ich ganz bei mir, es scheint, als wären diese Songs nur für diesen morgendlichen Waldlauf geschrieben worden. Erst ein paar ungeplante Technobeats bringen mich aus dem Hier und Jetzt, doch mit dem nächsten Song stimmt der Rhythmus wieder. Ich lege den Fokus auf die Schritte und bemerke plötzlich, wie sich das Licht verändert, es sind doch tatsächlich Sonnenstrahlen, die sich dort durch die Wolkendecke brechen.

Das Schöne an einem Lauf ohne Ziel: Man landet manchmal an Orten, die man gar nicht gesucht hat.

Passend zu den ersten Sonnenstrahlen höre ich auch wieder Geräusche aus dem Babyjogger vor mir. Wir kommen zuhause an und ich hatte eine Stunde nur für mich. Die Gedanken waren einfach mal still. Manchmal braucht es nicht viel: ein früher Morgen, ein dunkler, hügeliger Wald und Filmmusik, die einen durch die Landschaft trägt.

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