Schlösser im Nebel und 44 Kilometer Wahrheit
Es gibt diesen Moment, kurz bevor man an den Start geht, wo die Vorstellung und die Wirklichkeit noch vollständig deckungsgleich sind. Wo man genau weiß, wie es laufen wird. Wie es sich anfühlen wird. Was man am Gipfel essen wird — Fruchtgummis sollten es diesmal sein, mampfend auf dem Hohen Dörnberg sitzen, Aussicht genießen, kurz das Gefühl auskosten, diesen Anstieg bewältigt zu haben.
Der Schlösser und Burgen Ultratrail Kassel war seit ganzen 3 Tagen in meinem Kopf. Nicht als konkreter Plan, eher als Faszination — diese Welt der langen Läufe, der Menschen, die stunden- oder tagelang durch die Natur unterwegs sind, die an Grenzen kommen und dann trotzdem weitergehen, ansatzweise mal kennenzulernen. Das hat mich schon lange beschäftigt. Und irgendwann war der Gedanke da: Ich will wissen, wie sich das anfühlt. Die Veranstaltung direkt vor der Haustür schien eine geeignete Möglichkeit, den Sprung ins Unbekannte zu wagen.
Vorbereitung auf dem Papier
Auf der Haben-Seite: Monate draußen. Täglich drei bis fünf Stunden mit dem Baby in der Trage, bei Wind und Wetter, durch Wald und Feld. Beine, die Kilometer kennen. Ein Körper, der Draußen-Sein gewohnt ist. Auf der Soll-Seite: Kein ernstzunehmendes Lauftraining. Gerade eine Erkältung überstanden. Und eine mentale Knackpunkt-Sammlung — unter anderem, dass ich die Strecke normalerweise in die andere Richtung laufe.
Aber das Lodern, das Feuer und die Leidenschaft ist keine Frage der optimalen Vorbereitung. Also: Let‘s go.

Was die Visualisierung nicht wusste
Trotz wunderschönem Frühlingswetter in den Tagen zuvor, ging es bei Schneeregen los. Der Dörnberg war komplett im Nebel. Keine Aussicht, keine Katjes — dafür lieber Margarine-Brot. Die Löwenburg: durchlaufen, Pommesgeruch inklusive. Herkules: umrundet. Wege, die ich bisher nur aus dem Vorbeifahren kannte und immer schon mal laufen wollte — gelaufen. Das war wirklich schön. Sightseeing auf Laufschuhen, genau wie ich es mir vorgestellt hatte, nur dass das Wetter anders war als im Kopfkino.
Was ich nicht eingeplant hatte: nicht allein zu laufen. Zeitweise mit anderen Läufern unterwegs zu sein, viel über die heimische Ultraszene zu erfahren, zu entdecken dass es tatsächlich auch andere Veganerinnen gibt. Das war tatsächlich ziemlich cool. Was weniger passte: das Tempo, der Rhythmus, die Strecke über meine Heimwege, die ich anders gelaufen wäre. Der Flow blieb aus.

Ab dem Herkules bin ich eine andere Strecke gelaufen. DNF — aber 44,44 Kilometer und 1130 Höhenmeter. Es wäre mehr gegangen. Der Wunsch, allein und auf meinem eigenen Weg weiterzulaufen, war größer.
Das heroische Feeling blieb aus. Und?
Ich hatte mir ausgemalt, wie es sich anfühlen würde — dieses Ankommen, dieses Geschafft-Haben. Das blieb aus. Weil ich abgebogen bin. Weil ich entschieden habe, lieber meinen Lauf zu laufen als den richtigen zu Ende zu bringen.
Was trotzdem bleibt: Es war mein erster Start für Laufen gegen Leiden. Und das machte mich sehr glücklich. Schlösser im Nebel, neue Gesichter, Wege die ich immer schon kannte und doch zum ersten Mal richtig betreten habe. Vorstellungen und Realität passten nicht ganz zusammen. Aber vielleicht ist das auch eine Art Erkenntnis, für die man 44 Kilometer braucht. Der erste Gehversuch in dieser neuen Welt war jedenfalls sehr lehrreich und ich bin mir sicher, dass es weitergehen wird.

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