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Straßenfest und der Mann mit dem Hammer - Eindrücke vom Bonn Marathon
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Straßenfest und der Mann mit dem Hammer - Eindrücke vom Bonn Marathon

Kurz vor dem Start überlege ich noch, ob das ein bisschen unsinnig war. Noch nie habe ich so ungeplant an einem Marathon teilgenommen - statt langer Vorbereitung bin ich zwei Wochen vorher überraschend über Kleinanzeigen an einen Startplatz gekommen. Bis zum Vorabend hatte ich weder Ahnung, wie die Strecke aussehen würde, noch wo genau ich beim Marathon eigentlich starten sollte. Ich wusste nicht, wie die Verpflegungspunkte verteilt sind, welches Profil die Strecke hat oder ob es unterwegs vegane Verpflegung gäbe. Am Morgen der Abreise fast noch vergessen, die Schuhe einzupacken. Die Woche zuvor war durchwachsen, körperlich und emotional. Zwei Tage vor dem Start gab es noch einen ernüchternden Termin und ich habe für mich gemerkt: Ich brauche diese 42 Kilometer, um Schmerz und Trauer aus dem Körper zu laufen. Dazu kommt, dass ich dann vier bis fünf Stunden nur für mich habe. Abgesehen davon, dass ich von 22.000 anderen Menschen umgeben sein werde.

Raceday: Frühlingsmorgen, zwei Frühstücke und die große Bonn-Party

Der Start ist um 11. Die Luft scheint elektrisch aufgeladen zu sein. Ich nutze die späte Startzeit für zwei Frühstücke - Toast mit Marmelade, dick Erdnussmus und eine Banane, Wasser und viel starken Kaffee. Eine Morgenrunde mit dem Kind ist auch noch drin, bei dem Streifzug durch die Stadt, sauge ich diese besondere Stimmung, die nur ein großes Rennen auslösen kann, in mich auf. Dann Packen, Nummer anziehen, die Familie einsammeln, Fotos, Umarmungen und anschließend durch den Strom der Leute zum Startblock gespült. Ganz vorn diese Mischung aus Partylaune und aufgeregtem Flirren. Sonnenstrahlen, leichte Wolken, zwischendurch ein kurzer Nieselregen und etwa 14 Grad sorgen vor bestes Laufwetter.

Die ersten Kilometer rauschen schneller vorbei, als ich mir gedacht habe. Die Menge trägt mich, es fühlt sich an wie ein Fest auf der Straße, in den Vorgärten und überall am Streckenrand stehen Menschen mit Schildern, es gibt Musik und viel Gelächter - jede Straßenecke hat ihr eigenes Programm. Zwischendurch gibt es immer mal wieder ein paar ruhige Meter und auch wenn es bei so vielen Menschen unglaublich erscheint, sehe ich überall bekannte Gesichter. Nach 30 Kilometern merke ich, wie der Marathon plötzlich Gewicht bekommt - als ob ab hier eine neue Veranstaltung beginnt. Der Körper meldet sich, die Beine werden schwerer, alles fühlt sich nach mehr Anstrengung an. Das Tempo wird langsamer, doch ich beiße mich durch. Die Versorgungsstation bei Kilometer 35 rettet mich. Ein großer Becher Cola, ein Stück Banane und etwas Wasser zur Abkühlung beleben mich wieder.

Immer wieder kommen Rufe von außen - Supporter am Rand, die meinen Namen schreien und mich nach vorne pushen, eine schnelle Nachricht aufs Handy bringt mir das Lächeln zurück und motiviert mich diesen Lauf so gut es geht ins Ziel zu bringen. Mantraartig rede ich mir zu: eins, zwei, eins, zwei… jeder Schritt zählt und bringt mich meinem Ziel näher. Und schließlich biege ich um die letzten beiden Kurven, da sind noch einmal bekannte Gesichter an der Strecke, ich versuche wieder zu lächeln und schaffe es mit letzter Kraft über die Ziellinie.

Wenn wieder Ruhe einkehrt

Der Weg zurück in die Wohnung ist super hart, zum Glück setzt mich meine Beste Freundin in einen Bus, andernfalls hätte ich wohl Stunden gebraucht um wieder dort anzukommen. Das Kind krabbelt lachend über den Teppich auf mich zu. Die Muskeln brennen längst, aber das überwältigende Gefühl bleibt. Es gibt diese Augenblicke, in denen der Muskelkater in den Hintergrund rückt und das Herz alles überstrahlt - Umarmungen, dieses kleine Wunder, das mich nicht mehr loslassen will. In den Tagen danach bleibt eine große Dankbarkeit für das, was da alles mitgelaufen ist - die Menschen am Rand, Familie, Freunde, jeder, der ein kleines bisschen mitgeschoben hat, die schmerzenden Waden, die überwältigenden Glücksgefühle, innere Leere, unzählige Eindrücke von der Strecke und Gedanken.

Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt. Und diese kleinen, großen Momente, in denen man merkt, wie weit einen die eigenen Füße eigentlich tragen können.

Es hat 10 Marathons gebraucht, aber jetzt habe ich das Gefühl, ich habe endlich verstanden, was die Menschen meinen, wenn sie vom Marathon reden. Es war und ist eine unglaubliche Reise.

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